Südwärts

New York im Kielwasser auf dem Weg südwärtsDie etwas über 100 Seemeilen lange Strecke von New York südwärts verläuft genau wie vorausgesagt, ruhig und ereignislos. Aber halt leider wieder ohne segelbaren Wind. Gar nicht schön, Vairea mutiert in diesem Gebiet noch zu einem motorenden Segelboot. Am Morgen des 1. September fällt dann der Anker bei Cape May ins Wasser. Für uns beginnt in den folgenden drei Tagen ein eigentliches Repeater-Dasein. Wobei es durchaus auch Vorteile hat, alles schon zu kennen und zu wissen wo und wie was ist. Und so verbringen wir die Tage meistens mit dem Zusatz „noch einmal“. Erfreuliche Erlebnisse wie wiederholt im Lobster House schlemmen oder abermals durch die kleine Stadt und dem Meer entlang schlendern.

Auf dem Weg südwärts Halt in Cape May

Aber auch Unerfreuliches erleben wir wieder. Tatsächlich werden wir noch einmal mit den Wetterwidrigkeiten konfrontiert. Die Reste des Hurrikans Ida brausen vom Süden heran. Sie bescheren der Region Wind und vor allem Regen. Aus New York erreichen uns schlimme Bilder der Verwüstung. Noch nie dagewesene schwere Überflutungen und gar Tote gibt es zu beklagen. Was sind wir froh, dass wir wohl ultimo südwärts von dort los sind.

Ankerplatz bei Cape May

Nordwärts segeln und südwärts motoren

Am darauffolgenden Samstag ist dann aber fertig mit dem „noch einmal“ Leben. Unsere Reise geht weiter und wir freuen uns auf neue, unbekannte Orte. Mit dem ersten Büchsenlicht nehmen wir am 5. September den Anker hoch, kämpfen uns durch den Kanal und die unangenehmen Wellen nach draussen. Wir wollen den Delaware-River hoch bis zur Insel Reedy und dort vor Anker die kommende Nacht verbringen. Gar unheimliches geschieht auf dieser Etappe – wir können doch tatsächlich fast die gesamten 54 Seemeilen segeln! Schon verrückt, wie so etwas eigentlich völlig Normales grenzenlose Begeisterung an Bord auslöst!

Auf dem Weg südwärts nordwärts Segeln im Delaware River

Mit Kenterung der Strömung nehmen wir anderntags kurz vor 11 Uhr den Anker auf, biegen in den Delaware-Chesapeake-Kanal ein und finden knapp 3 Stunden später vor dem kleinen Örtchen Chesapeake City einen passenden Ankerplatz. Der Ort scheint genau auf einige Grundbedürfnisse meines Captains abgestimmt zu sein. Gibt es doch eine einladende Rum-Lounge und eine vorzügliche Gelateria. Leider klappts nicht mit einem Fahrradverleih. So wird aus einer geplanten Bike Tour halt eine Wanderung. Dafür eine mit Grenzerfahrung, denn wir wandern vom Bundesstaat Maryland zum Bundesstaat Delaware und wieder zurück. Nach einer etwas windreicheren Nacht holen wir am 9. September bereits ganz früh den Anker hoch. Bei frühherbstlichen kühlen Bedingungen motoren wir im Kanal weiter Richtung Westen.

Auf dem Weg südwärts Halt in Chesapeake City

Südwärts ein Halt in Rock Hall

Amerikanische Segelbekannte legten uns den Ort Chestertown ans Herz. Doch diesen Vorschlag verwerfen wir ganz schnell wieder. Zwei Stunden lang einen Fluss hinauf motoren und dann auch wieder zurück mag uns gar nicht begeistern. Von der Crew der Invia wissen wir jedoch, dass wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können. Nämlich im bedeutend besser gelegenen Rock Hall liegen und von dort aus mit gemieteten Fahrrädern nach Chestertown radeln. Der Captain überschlägt sich ja fast vor Freude, als er sich am 10. September auf seinen 0815-Drahtesel schwingt. Mit der Aussicht auf eine flache Etappe und einer baldigen Ankunft in Chestertown versuche ich gute Stimmung zu verbreiten. Nur was eben ausschaut, muss noch lange nicht eben sein. Das realisieren wir auf der bedeutend schnelleren und weniger anstrengenden Rückfahrt. Und so mussten wir uns das kleine Frühstück in Chestertown richtig erarbeiten.

Fahrradtour von Rock Hall nach Chestertown

Der Ort gefällt uns maximal mittelprächtig. Das mag aber auch damit zusammenhängen, dass trotz gegenteiliger Order vom Staat Maryland in Chestertown in fast allen Lokalitäten Maskenpflicht besteht. Und so sind wir relativ schnell wieder auf unseren Rädern und auf dem Weg südwärts zurück ins maskenbefreite Rock Hall. Dort steigen wir nach knapp 50 Kilometer mit etwas schmerzenden Popos wieder von den Sätteln. Nach einer herrlichen Dusche machen wir uns am Abend zu Fuss auf ins Waterman Crab House. Direkt am Wasser gelegen lassen wir unseren Hochzeitstag kulinarisch ausklingen. Zum Glück führt uns die freundliche Bedienung in die Handhabung der Haus-Spezialität ein. Das fachgerechte Öffnen ist zwar nicht einfach. Aber einmal begriffen, schmecken die steamed crabs herrlich. Wir schlemmen bis wir fast unter den Tisch fallen.

Steamed Crabs

Annapolis

„Sie haben sich das perfekte Wochenende ausgesucht für den Besuch in Annapolis“, flötet die diensteifrige, zuvorkommende Dame im Informationszentrum ganz begeistert. Schon seit einer geschlagenen halben Stunde hat sie uns fest in ihren liebenswürdigen Krallen und mir schwirrt unterdessen der Kopf vor lauter Fakten, Zahlen und Informationen zur segelaffinen Hauptstadt von Maryland. Bei der erstbesten Gelegenheit packen wir die Chance, bedanken uns höflich und machen uns schleunigst mit einer Menge Informationsmaterial unter den Armen aus dem Staub. Die hübsche Stadt ist gerammelt voll, nicht unüblich an einem Wochenende.

Annapolis

Daher wunderten wir uns auch nicht, dass wir im grossen Mooring Feld mit Glück die letzte Boje erwischten. Aber an diesem Samstagabend wimmelt es zusätzlich, denn im nahegelegenen Stadion findet das wichtige Football Spiel zwischen der Navy und der Air Force statt. Wir lassen uns mit all den vielen fröhlichen Leuten durch die unzähligen Strassen und Gässchen treiben, hören den Strassenmusikanten zu und geniessen bei einem Feierabendbier die ausgelassene Stimmung.

Leben in Annapolis

U.S. Naval Academy

Bei einem Besuch im State House, das hoch über der Kleinstadt thront, erfahren wir alle interessanten Fakten und Hintergrundinfos zu der Zeit, als Annapolis für ein Jahr die Hauptstadt der USA war. Bei herrlichem Sonnenschein und über 30 Grad schleichen wir durch den herrlichen Garten des William Paca House, bevor wir im nahegelegenen Galway Pub genussvoll ein Bier durch unsere trockenen Kehlen rinnen lassen. Am Montag steht der Besuch der berühmten U.S. Naval Academy auf dem Programm. Zuerst sehen wir von einer Führung ab, sind aber froh uns doch anders entschieden zu haben. Denn die Gruppe ist klein und unser Führer Ken ein begeisterter Kenner dieser militärischen Schule.

William Paca House, U.S. Naval Academy & State House

Wir erfahren, dass 4’000 Schüler die vierjährige Ausbildung durchlaufen. Und jedes Jahr kommen 1’000 neue Rekruten dazu, die aus 20‘000 Anmeldungen ausgewählt werden. Aber anmelden kann sich nur, wer über ein Empfehlungsschreiben eines Kongressabgeordneten, eines Senators, des Präsidenten oder des Vizepräsidenten verfügt. Spannend, dass die Durchfallquote bei all den Entbehrungen und dem vierjährigen Drill gerade einmal 12% beträgt. Aber auch der Anteil an Frauen ist mit 30% leider eher tief, meint unser Führer. Mit dem Highlight der Noon Ceremony, einem Apell vor dem Mittagessen, endet ein spannender Einblick in diese Akademie für uns. Am 15. September lösen wir uns nach vier spannenden Tagen von der Boje in Annapolis. Nächster Halt ist das knapp 25 Seemeilen südwärts entfernte St. Michaels. Ob wohl die Wettervorhersage stimmt und wir womöglich die Strecke segeln können?

Annapolis im September 2021

Unsere Reise im Überblick Unsere Schatzkiste

2 Kommentare zu „Südwärts“

  1. Hallo ihr Lieben
    Wiederum ein sehr interessanter Bericht!
    Man fühlt sich gerade mitten drin und kann die Luft und das gute Essen geradezu riechen.
    Auch der Bericht über die U.S Naval Acedemy war sehr spannend!

    Herzlichen Dank
    Bis Bald 🙂

    1. Ihr Lieben, Deine Zeilen liebe Graziella haben uns sehr gefreut. Dir und Heinz hätte die Naval Academy bestimmt auch sehr gefallen, es war wirklich sehr interessant.
      Jetzt ist es nicht mehr lange bis zum Wiedersehen!! Wir freuen uns schon riesig.

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